Antipoden in der Welt der Kunst

Meena Valail und Michael Maschka spüren in ihren Bildern auf ganz unterschiedliche Art und Weise dem Unsichtbaren nach

Sie sind Antipoden in der Kunst, aber ihre Bilderwelten speisen sich aus denselben Quellen: Die in London geborene Meena Valail und der Augsburger, Michael Maschka, sind in mehr als einem Punkt grundverschieden. Aber sie gleichen einander auch in mehr als nur einem Punkt.
Folgt man einer alchemistischen Metapher, wonach die Persönlichkeit eines Menschen "eine besondere Verbindung aus dichtem, schwerem Blei, mit entzündlichem, aggressivem Schwefel, bitter weißem Salz und flüchtigem, schwer fassbarem Quecksilber" ist, dann könnte man die Künstler-Persönlichkeiten Valails und Maschkas folgendermaßen in einen Vergleich setzen: Der entzündliche Schwefel ist beiden gemein, aber da, wo Maschka mehr aus dichtem Blei ist, herrscht bei Valail das schwer fassbare und flüchtige Quecksilber. In der Tat zieht Maschkas Blick auf die Welt wie mit einem Senkblei in die faszinierenden Tiefen verborgenen Lebens, während Valails Arbeiten den Betrachter in einen Wirbel an Farben und Bewegung tauchen. Aber beiden geht es um Unsichtbares. Entzündliche Phantasiewelten, die aus der Tiefe des Unbewussten auftauchen, auf der einen und flüchtige, schwer fassbare Gefühls-Regung auf der anderen Seite. Maschka und Valail, das sind Ruhe und Bewegung, Introvertiertheit und Extraversion.
So augenfällig verschiedenartig die Bildwelten beider Künstler sind, so verschiedenartig sind auch ihre Lebensläufe: Valail ist in London geboren als Tochter einer Deutschen und eines Inders. Schon als Kind, sagt sie über sich selbst, habe es sie sehr zur Kunst hingezogen, zunächst zur Literatur. Aber, aufgewachsen in einem "Wissenschaftler-Haushalt" - ihr Vater ist Atomphysiker - in dem ihre künstlerischen Neigungen insgesamt eher entmutigt worden seien, habe sie letztendlich den "analytischen" Weg eingeschlagen und Biotechnologie studiert. Was sie im Rückblick alles andere als bedauert: "Ich glaube dass die Art und Weise, wie diese Wissenschaft die Natur erforscht, also eine Mischung aus Detektiv-Spiel, Grübeln über das Wesen des Universums oder einfach das Aufstellen bizarrer "Was-Wäre-Wenn-Szenarien", meine Vorstellungskraft anregte und damals wie heute einen direkten Einfluss auf meine Kunst hat". Denn bereits während ihres Studiums in London malte Valail. Für Freunde und auf Textilien, die sie auf dem Portobello Straßenmarkt verkaufte. Dieser Art zweigleisig fuhr Valail geraume Zeit: Das Malen war ihr Hobby und beruflich machte sie Karriere auf dem internationalen Marketing Sektor. Nicht von heute auf morgen fiel ihre Entscheidung, die künstlerische Laufbahn einzuschlagen: "Es war mehr ein Reifungsprozess, ein Herauskristallisieren", meint sie heute dazu. Während eines einjährigen Aufenthalts in Paris begann sie ihre Arbeiten öffentlich auszustellen und vier Jahre später, 2002, sattelte sie schließlich ganz um: "Hier und da lasse ich mich immer wieder gerne für ein Marketing-Projekt gewinnen - aber es ist vor allem die Kunst, die mich führt. Sie steht an erster Stelle". Für Valail ist Kreativität dabei etwas, was überall wirksam sein kann: "Ich hatte schon immer eine lebhafte Vorstellungskraft und denke sowohl begrifflich als auch bildlich. Je mehr ich mich freilich auf die Malerei eingelassen habe, umso mehr habe ich mich daran gewöhnt, dieses besondere Medium für meinen Ausdruck zu benutzen. Aber ich fühle mich auch sehr wohl dabei, meine Kreativität im Ausdenken einer Geschichte oder für die Positionierung eines neuen Produktes einzusetzen". Diese Art von Offenheit, Dialogbereitschaft und Kommunikationsfähigkeit schlägt sich auch in der Art und Weise nieder, wie sie ihre Kunst begreift: "Ich habe sehr viel Zeit damit zugebracht, Bilder, die mich besonders faszinierten, oder die ich im Gegenteil unglaublich abstoßend fand, zu studieren. So wollte ich herausfinden, was ich an ihnen mochte bzw. verabscheute. Auf diese Weise formten sich meine Erwartungen an meine eigenen Bilder. Daran, welche Gefühle und Empfindungen ich mit ihnen ansprechen möchte".



© Meena Valail: "Universal Formula"


So ist auch der Ausgangspunkt ihrer künstlerischen Arbeit in der Regel ein Konzept oder Thema, das sie ausdrücken sowie eine recht "klare Idee von den Gefühlen und Empfindungen", die sie mit einem Bild hervorrufen möchte. Dementsprechend auch ihre Erwartungen in Bezug auf die Wirkung ihrer Arbeiten: "Letztendlich möchte ich, dass jedes Bild gleichzeitig das ursprüngliche Konzept zum Ausdruck bringt, ebenso wie die Empfindung, die ich hervorrufen wollte. Auf diese Weise strebe ich danach, in meiner Arbeit, das wieder erlebbar zu machen oder auf meine Weise wieder zu erschaffen, was ich an dem Werk anderer Künstler liebe oder schätze. Künstler, die mich immer wieder inspirieren und anregen". Dabei arbeitet Valail in Zyklen: so entstanden Zyklen über das Wasser, die Erde, das Feuer, die Alchemie, den Tanz oder das "Geheime Leben der DNA". Es sind dies Bilder voller

 

 

© Meena Valail: "Seatornado"


Dynamik: Ihre Linienführung ist schwungvoll und stark, manchmal sogar hastig und hinterlässt auch im fertigen Bild eine klare Struktur. So lässt die Künstlerin in gewisser Weise den Entstehungsprozess ihres - derzeit zumeist in Acryl gemalten - Werkes sichtbar und nachvollziehbar stehen. Ihr Pinselstrich ist dabei in Form und Richtung sehr ausgeprägt und drängt zumeist auf einen Punkt hin. Die Bewegtheit, die ihren Bildern dadurch verliehen wird, steigert sich zuweilen in eine Art Sog. Überhaupt sind Wirbel, Wellen, Trichter, Vulkanausbrüche, Explosionen, Stürme, Tornados oder Abstürze Elemente, vielmehr Gesten, die in Valails Bilderwelt vorherrschen. Sie liebt das warme Licht und die starke expressive Farbigkeit, die sie jedoch auch zu zügeln versteht, wie etwa in den Bildern "Elemental", "Ascension" oder "Universal Formula". In ihrem eigentlichen Element scheint sie jedoch zu sein, wenn sie Wasser malt. Wasser, das sie vom Tornado aufwühlen und wie ein kühles Lichtermeer zerbersten lässt ("Sea Tornado"). Ebenso wie Valail auf der formalen Ebene das Prozesshafte betont, kehrt der Prozess auch in ihrer Sujetwahl immer wieder: es geht ihr um Veränderung, die direkte Folge von Bewegung. Steter Wandel. Äußerlich wie innerlich. So begründet sich auch die Nähe zur Alchemie, mit der die Künstlerin nach eigener Aussage "noch lange nicht fertig ist". Ist doch ein wichtiges Ziel der Alchemie die Wandlung, die Sublimation und im übertragenen Sinne die Persönlichkeitsentwicklung. In ihrem Bild "Der Prozess" hat Valail beispielsweise die sieben Stadien des alchemistischen Prozesses in ihre Bildsprache umgesetzt: zwei Trichter, der eine den anderen speisend, sich ständig vom chaotischen Urzustand zum gleißenden Ziel, dem alchemistischen Gold und wieder zurück verwandelnd.
Die Alchemie ist auch ein wichtiges Bindeglied zwischen den künstlerischen Welten Meena Valails und Michael Maschkas. Obwohl sicherlich beide zu diesem Thema ganz andere Bildvisionen entwickelten und entwickeln, ihrem jeweiligen künstlerischen Konzept und Werdegang entsprechend. Und diese könnten unterschiedlicher kaum sein.
Maschka ist in Augsburg, der Fuggerstadt im Süden Deutschlands, als Sohn eines aus Mähren stammenden Schneidermeisters und einer Augsburgerin geboren. Ein gewisser Hang zum handwerklichen Perfektionismus mag in diesem elterlichen Einfluss begründet liegen. Ähnlich wie Valail zog es auch Maschka schon früh zur Kunst hin. Vor allem zum Zeichnen und Malen. Sein außergewöhnliches Talent manifestierte sich hier schon sehr früh. Zwar erhielt Maschka aus seinem Elternhaus kaum künstlerische Impulse, aber mit Augsburg ist er in einer Umgebung aufgewachsen, in der ihm die Kunstgeschichte in den vielen Bauwerken der Renaissance und des Barock und nicht zuletzt in den Kunstwerken eines Adriaen de Vries oder Holbein lebendig gegenüber trat.
Anders als für Valail stand es für Maschka schon sehr früh fest, dass sein Lebensweg die Kunst sein würde. Allein es brauchte einige Zeit, bis er sich ausschließlich diesem Lebensziel widmen konnte. Nachdem er in Augsburg eine künstlerische Grundausbildung in der Fachoberschule absolvierte, führte ihn sein Weg nach Berlin, wo er Sozialpädagogik studierte. Ein Beruf, den er auch zwei Jahre lang ausübte. Daneben aber arbeitete er unermüdlich an seiner künstlerischen Laufbahn. Er machte Ausstellungen und malte. Zunehmend perfekt und in der Manier der alten Meister. Das heißt, er schichtet auf eine Ei-Tempera Untermalung feine, hauchdünne Öl-Farblasuren, was seinen Bildern die eigentümliche Leuchtkraft und Schärfe verleiht. So kann die Fertigstellung eines Bildes Wochen, Monate und manchmal auch Jahre dauern. Da im modernen Akademiebetrieb kein Platz für die Vermittlung dieser aufwendigen Technik ist, war Maschka hier auf sich selbst zurückgeworfen. Er selbst sei sein eigener Lehrer gewesen, erklärt er dem, der ihn nach Lehrern fragt: "Kritisch und ehrlich zu sein, mit sich selbst und ein ausgeprägter Wille, sich zu entwickeln, sind die beste Schulung", kommentiert er dies. Diesem Grundsatz ist der Künstler über die Jahre hinweg treu geblieben und heute kann Maschka auf eine mehr als zwanzigjährige Ausstellungstätigkeit im In- und Ausland zurückblicken.
Eine wichtige Rolle in der künstlerischen Entwicklung Maschkas spielte insbesondere die Begegnung mit dem Begründer der Wiener Schule des Phantastischen Realismus, Ernst Fuchs, im Jahr 1993. Mit Fuchs verbindet ihn bis heute eine kollegiale und persönliche Freundschaft. Der künstlerische Austausch der beiden gipfelte 1994 in der Zusammenarbeit beim Bau der Fuchs-Kirche in Thal bei Graz, wo der junge Künstler Erfahrungen sammeln konnte, die ihm drei Jahre später bei einer eigenen Kirchengestaltung im Süden Deutschlands hilfreich sein sollten. Maschkas Fähigkeit zur Selbstkritik und sein ausgeprägter Wille zur künstlerischen und persönlichen Entwicklung trieben ihn immer wieder an, sich neue künstlerische Welten zu erschließen. Sei es formal oder inhaltlich. So nimmt neben der Malerei die Radierung mittlerweile einen großen Raum in seinem Oeuvre ein. Auch die Skulptur oder beispielsweise das Entwerfen von Schmuck boten und bieten ihm neue Wege des künstlerischen Ausdrucks. Die Zusammenarbeit mit Meena Valail markiert eine weitere Station auf dieser fortwährenden Suche nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten.
Auf der mehr inhaltlichen Seite

interessierten Maschka seit jeher alle philosophischen und weltanschaulichen Systeme, die sich nicht damit begnügten, die sichtbare Wirklichkeit in Kategorien einzuordnen, sondern die sich vielmehr mit der geistigen Welt auseinandersetzten. Hier sei die Anthroposophie genannt, die Psychologie, die Mythologie und auch die Alchemie. Zur Alchemie, erinnert er sich, sei er vor allem über deren eigentümliche Bildsprache gelangt. Dies sind zumeist märchenhaft anmutende Darstellungen, voller Anspielungen auf mythologische oder biblische Themen. Besonders fasziniert hat Maschka die alchemistische Gleichsetzung von Werk und Schöpfer, der zufolge das Gelingen des Werkes vom Reifegrad des Laboranten abhängig sei. In dieser Gleichsetzung des Schaffenden mit dem Zu-Erschaffenden sieht Maschka mehr als nur eine Metapher für den künstlerischen Prozess. Hier wie da seien der Blick nach innen und der Blick nach außen gleichrangig. Und genau darin erkennt Maschka das Wesen der Kunst: dass sie einen Ausgleich schaffe zwischen Innen und Außen, zwischen Sinn und Sinnlichkeit. In diesem Zusammenhang ist auch der Ausgangspunkt seines eigenen künstlerischen Schaffens zu suchen, nämlich im Aufspüren von Übereinstimmungen zwischen inneren und äußeren Bildern. Übereinstimmungen, die es gilt, sichtbar zu machen. Dass Maschka bei diesem Prozess des sichtbar Machens auf die Mythen der Griechen oder Germanen, die christliche oder alchemistische Symbolik zurückgreift, ist weder Zufall noch gesetzt. Denn diese bilden seit jeher das Vokabular des Unbewussten, des Prä-Logischen. Sie sind die Sprache der Archetypen, jener autonomen Kräfte, die nach C. G. Jung aus dem Unbewussten heraus ständig daran arbeiten, die Persönlichkeitsentwicklung des Menschen voran zu treiben. So sind die Arbeiten von Maschka wahre Fundgruben an archetypischen Mitteilungen. In geschliffener Malweise formuliert, ziehen sie durch ihre Rätselhaftigkeit und zuweilen überbordende Sinnlichkeit die Menschen in ihren Bann. "Ich wünsche mir, dass von meinen Bildern ein Anstoß ausgeht, dass die Betrachter sich mit ihren Inhalten auseinandersetzen und sich ihre eigene Phantasie an ihnen entzündet". Nicht im Vorbeigehen erschließen sich die Bild-Mitteilungen dieses Künstlers. Sie verlangen Verweilen und aufmerksames Betrachten. Also das Gegenteil dessen, was der moderne Mensch tagtäglich angesichts der auf ihn einstürmenden hochglänzenden Bilderflut übt. Auch gilt es, sich mit der Eigentümlichkeit der stummen Bildsprache vertraut zu machen. Das heißt in erster Linie, vorauszusetzen, dass kein Bildelement zufällig ist.


© Michael Maschka: "Adam"


Als eine in diesem Sinne wahrhafte Herausforderung erscheint Maschkas Bild "Adam", in dessen Mittelpunkt zunächst ganz offensichtlich der Mensch steht. Regelrecht "eingeklemmt" zwischen der himmlischen Unendlichkeit und dem Boden unter den Füßen. Der entlarvende Blick des Künstlers macht dabei die Brüchigkeit unserer Weltsicht deutlich: denn phantastisch schmal ist der Boden, auf dem wir wandeln, er ist in der Tat in Wandlung begriffen und feurige Kräfte arbeiten an seiner Metamorphose. Wandelbar aber ist auch der Mensch selbst, der in all seinem Streben, in der Erschaffung seiner zweiten, seiner künstlichen Natur, der Technik, für die Verwandlung geboren ist. Der Schmetterling ist ein Bild dafür. Er hat Platz genommen auf der menschlichen Brust, dort, wo der Sitz der Seele vermutet wird.
Einmal mehr bekundet Maschka auch in diesem Bild des "Adam" den Willen zu Entwicklung und Veränderung und reicht inhaltlich damit seiner Künstler-Kollegin Valail die Hand. Während sie das Gefühl des Wandels, das wie ein Sturm über den Menschen kommt oder wie das Durchlaufen eines Trichters erlebt wird, mitteilt, entwirft er eine in sich ruhende Gesamtsicht des menschlichen Schicksals, in dem Wandel ein elementarer Bestandteil ist.
Das künstlerische Wagnis, das Valail und Maschka eingegangen sind, ihre so verschiedenartigen Mitteilungsweisen quasi wie in einem alchemistischen Labor zusammen zu führen, mag bereits in diesem Stadium als geglückt gelten. In ihren bisher fünf gemeinsamen Werken ist etwas ganz Eigenes und Neues entstanden: Maschkas ausgeprägter Wille zur Form bietet Valails zuweilen impulsiver Dynamik Einhalt. Während umgekehrt ihre flüchtige Unbestimmtheit seinen manchmal hermetischen Duktus öffnet. Bewegtheit und Ruhe finden in ihren gemeinsamen Bildern einen neuen Ausgleich. Und man darf gespannt sein, welche Auswirkungen diese kühne Vereinigung von künstlerischen Gegensätzen auf die künftigen eigenen Arbeiten von Meena Valail und Michael Maschka haben wird.


© Heike Jahnz