Eine romantische Idee von Berlin

Ein Essay über den Charakter einer Stadt

Nicht stolz, sondern ruhmredig, hoffärtig und "deshalb wenig geschickt, Reue selbst zu üben", mit elender "staatskluger Pfiffigkeit" begabt, weiterhin taub und blind für alles Höhere "bey tiefer Versunkenheit in den Schlamm der bloßen Persönlichkeit": so zeichnete der deutsche Publizist und Gelehrte Joseph von Görres das Bild der Preußen zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Berlin, die Hauptstadt Preußens, verkörperte für den romantischen Görres das mechanische, zerebrale Prinzip, das der "Aufklärerey", der Schöngeisterei und dem witzigen Ästhetisieren verfallen war. Die Romantik stellte dem preußischen Berlin das sinnliche Wien gegenüber wie dem Kopf das Gefühl oder in romantischer Diktion dem Zerebralsystem das Bauchsystem: "Dem deutschen Körper gab zum Kopfe Gott Berlin, / Als Herz doch legt er Wien, das herzliche in ihn." so faßte der Arzt Justinus Kerner die romantische Idee eines Deutschland mit Berliner Kopf und Wiener Herz in Versform. Den Romantikern verkörperte Preußen ein nicht minder feindliches Prinzip als Napoleon, Frankreich und Newton. Es stand für den modernen Hang zur toten Begrifflichkeit gegenüber der lebensvollen Idee. Dennoch spielte Berlin eine bedeutende Rolle in der Romantik: Tieck und Wackenroder waren dort geboren, Wilhelm Schlegel hielt in Berlin seine Vorlesungen über Literatur und Fichte seine "Reden an die deutsche Nation". In den Salons von Bettina von Arnim, Henriette Herz oder Rahel Varnhagen trafen sich viele romantische Geister. Trotz aller romantischen Ambitionen blieb Berlin aber im Grunde, sozusagen auf der symbolischen Ebene, für die Romantiker der Hort der "Widersacher", wie es Ricarda Huch in ihrem Buch über die Romantik bezeichnete. In ihm kristallisierte sich der preußische Stammescharakter, der nach Görres so unverwüstlich wie die Pflanzenarten sei.
In unserer heutigen, kristallklaren und der Wissenschaft zugeneigten Zeit ist es ein halsbrecherisches Unterfangen dieser romantischen Idee von Berlin, als einer Stadt des Kopfes, der modernen "rationalen" Geisteshaltung nachzuspüren. Schon in der Zeit der Romantik war es dies, wenn auch nicht so exotisch wie heute. Schon damals war abzusehen, welche der beiden Städte, Wien oder Berlin, das Rennen machen würde: Zwar war Österreich "das mütterliche, (ein) warmer Lebensquell". Demgegenüber aber stand ohne Zweifel "die Übermacht des Geistigen auf Seite Preußens und der Geist ist's, der in jetziger Zeit zuletzt immer siegreich bleibt". So prophezeite es zumindest Görres seinerzeit.
Und in der Tat war es Berlin, das in gewissem Sinne "siegreich" aus diesem Rennen hervorging. In seinen Anfängen tat es sich freilich eher schwer. Wenn man einmal an die Ursprünge dieser "zerebralen" Stadt zurückgeht, dann war sicherlich von Geist nur am Rande die Rede, als beispielsweise die wollhaarigen Nashörner im Berliner Urstromtal mit den frühberlinischen Rentierjägern um die Wette liefen. Überhaupt war der Berliner Raum nicht besonders einladend, und die Besiedlung in seiner Frühgeschichte verlief nicht ohne Brüche. In der Mitte des 6. Jahrhunderts gar wollte es keiner dort aushalten, bis slawische Stämme, die vermutlich besonders hart im Nehmen waren, sich dort niederließen. Ein trotziges "Trotzdem" ist ein wichtiges Wort im Berliner Werdegang und auch eines, in dem sich eine sehr moderne, sozusagen "kopflastige" Geisteshaltung widerspiegelt: Wenn man den modernen Zeitgeist, der mit der Aufklärung seinen Einzug in Europa hielt, auch als einen Geist fasst, der von der grundsätzlichen "Machbarkeit" durch den Menschen überzeugt ist, dann drückt er sich in diesem "Trotzdem" in der Berliner Geschichte aus. Von der Natur nicht gerade reich gesegnet - außer mit Sand und Sumpf - und mit einer nicht umwerfend günstigen geographischen Lage, in der es zumindest mit den benachbarten Städten Köpenick und Frankfurt an der Oder unmittelbar konkurrieren musste, stand am Anfang seiner Geschichte der menschliche Entschluss: Es war

die Doppelstadt Berlin/Cölln, auf die die askanischen Landesherren ein besonderes Auge warfen und der sie eine außerordentliche Förderung und Begünstigung angedeihen ließen. Sie begründeten den Aufstieg Berlins zum Zentrum der Mark Brandenburg im 13. Jahrhundert und zur mächtigsten Stadt der Mark im 14. Jahrhundert. Bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts jedoch gewannen die Konkurrenten Leipzig und Frankfurt an der Oder zunehmend an Bedeutung, Berlin lag zu weit ab vom Schuss - von den wichtigsten Handelsrouten. Äußeres Zeichen für Berlins Abseits war damals sein Austritt aus der Hanse. Aus dieser Misere rettete zunächst das stetig ansteigende Repräsentationsbedürfnis der Kurfürsten und bewahrte Berlin davor, im Sand zu verschwinden. Nach dem 30 -jährigen Krieg aber lag die Stadt vollends am Boden. Die Bevölkerungszahl hatte sich halbiert, mehr als die Hälfte der Häuser war zerstört. Aus eigener Kraft konnte sich die Doppelstadt Berlin/Cölln nicht mehr helfen. Hilfe brachte der Große Kurfürst: er behob den natürlichen Standortnachteil Berlins durch den Bau des Müllroser Kanals, mit dem Berlins Stellung im europäischen Verkehrsnetz wesentlich verbessert wurde. Damit glich Berlin seinen Standortnachteil vor allem gegenüber Frankfurt an der Oder aus, das ihm wirtschaftlich bis dahin den Rang abgelaufen hatte.
Die wichtigste Schmiede für Berlins Glück war der Hof, zunächst der askanischen Landesherren, dann der Fürsten, Kurfürsten, Könige und Kaiser aus dem Hause Hohenzollern: Erlahmte einmal das Interesse des jeweiligen Oberhaupts, wie bei König Friedrich Willhelm II , dann erlahmte auch das Leben der Stadt, wie Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts, wo zunächst die Wirtschaft einbrach und danach der völlige Zusammenbruch kam mit der Besetzung durch Napoleons Frankreich im Jahre 1806: Zeichen dafür, dass "Preußen an unheilbarer Fäulnis kranken mußte", wie es Görres in seinem "Rheinischen Merkur" 1814 drastisch formulierte.
Dabei war es gerade das 18. Jahrhundert, in dem Berlin zum erstenmal auch europaweit glänzen konnte: Mit Friedrich dem Großen gelangte die Aufklärung nach Berlin und die Stadt zu einigem künstlerischen, kulturellen und wissenschaftlichen Ruhm, an den man sich auch heute noch dankbar erinnert. Folgt man der romantischen Idee von Berlin, dann fand in diesem Jahrhundert Berlin erstmals zu sich selbst, nämlich zu der modernen Haltung, in erster Linie mit der Vernunft sich das Leben zu erklären, sich auf den Boden der Naturwissenschaften zu stellen und für alles eine sogenannte "rationale" Erklärung zu suchen. So wurde unter Friedrich dem Großen die Akademie der Wissenschaften neu gegründet und das Herz des neu gefundenen Wissenschaftslebens waren die Naturwissenschaften. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts figurierte Berlin mit seinen 150.000 Einwohnern nun immerhin schon unter den europäischen Großstädten wie Amsterdam, Madrid, Rom und Wien. (London mit seinen 800.000 und Paris mit 700.000 Einwohnern ragten damals unerreichbar aus diesem Reigen heraus.) Von nun an war der Bann gebrochen und Berlin schüttelte endgültig seinen mittelalterlichen Schatten ab: in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts stieg Berlins Bevölkerungszahl von 200.000 auf 400.000 an und Berlin rückte zur viertgrößten Metropole Europas auf. Als Industriezentrum und Hauptstadt des Kaiserreiches katapultierte sich Berlin im Laufe des 19. Jahrhunderts schließlich auf Weltniveau: Von 1857 - 1871 stieg die Einwohnerzahl von 450.0000 auf 800.000, 1877 gibt es eine Million Berlinerinnen und Berliner und zu Beginn des 20. Jahrhunderts, 1905, zwei Millionen. Berlin wurde zum Mittelpunkt der deutschen Elektroindustrie, und war neben der "größten Mietskasernenstadt", die sich ständig

im Kampf gegen die Wohnungsnot befand, mit seiner unterirdischen Entwässerung, seinen vier großen städtischen Krankenhäusern, mit seinen Parkanlagen, Badeanstalten, Hallenbädern und Unfallstationen eine der 'gesündesten' und saubersten Großstädte um die Jahrhundertwende. 1907 war Berlin das größte städtische Wirtschaftszentrum des Deutschen Reiches. 1925 lebten in Berlin, das nur ein Fünfhundertstel des Reichsgebietes umfaßte, vier Millionen Menschen - das war ein Fünfzehntel der deutschen Bevölkerung. In Berlin war ein Zwölftel aller Betriebe ansässig und ein Zehntel aller Beschäftigten des damaligen Deutschlands. 1925 erreichte Berlin den Rang der größten Industriestadt des Kontinents und hielt auf der Weltrangliste den vierten Platz hinter London, New York und Chicago. Es war vor allem seine Modernität, mit der es bestach und die es machte, daß man Berlin eher mit New York und Chicago verglich als mit den alten Städten Europas.
Bis dahin sein Wohl wurde die Modernität Berlins Wehe: In der Zeit des Nationalsozialismus trieb die Moderne ihre bis dahin schwärzesten Blüten. In ihr glorifizierte der Mensch sich selbst und allein sein Wille und Maßstab sollten gelten. Diese Ausartung ihres eigenen Lebensprinzips war die verheerendste Katastrophe für die Stadt. 1933 bis 1945 wurde Deutschland an einer einseitigen, allein die Vernunft betonenden Geisteshaltung irre und zerbrach an dem unbedingten Glauben an die Machbarkeit. Als Deutschland seinen Kopf verlor, verlor Berlin sich selbst. Übrig blieben rund 75 Millionen Kubikmeter Schutt, ein Siebentel aller Trümmermassen Deutschlands.
Mit trotzigem Überlebenswillen wurde der Schutt weggeräumt und es wurde wiederaufgebaut. Und die Reihe der Entscheidungen für Berlin der jeweiligen "Machthaber" brach nicht ab: Renommier- und Plattenbauten, sowie Jubelstraßen für den Ostteil, Luftbrücke und Berlinhilfe für den Westteil.
Vor 15 Jahren schließlich hat Berlin sich wieder mit sich selbst versöhnt, die auferlegte Buße getan und eine neue Chance bekommen. Auch die "Machthaber" des vereinigten Landes haben sich dafür entschieden, Berlin wieder zu ihrer "Residenz" zu machen.
Aber auf welchem Weg befindet sich diese "Stadt des Kopfes" heute? Wem hat sie ihr Herz geschenkt? Der Wirtschaft hat sie es geschenkt, so könnte die lapidare Antwort lauten. Hoch in den Berliner Himmel ragen aus dem Herzen Berlins heute die Symbole wirtschaftlicher Potenz und verkünden ihr Glücksversprechen durch wirtschaftliche Leistungsfähigkeit. Kalt und hochherrlich weisen sie dem Menschen den Weg in eine schöne neue Welt. Die architektonische Phalanx von Spiegelfassaden hält uns das Bild einer Welt vor, in der es für das Gute und Schöne keinen Platz mehr gibt. Die Fragen nach dem Wirtschaftsstandort haben höchstwichtigen Vorrang. Rendite, Leistung, Anpassung an den modernen Wirtschaftsprozeß, Ausschalten dysfunktionaler Faktoren umreißen diesen neuen, zu den Gipfeln stürmenden Glauben.
In seiner "Berliner Rede" vom 26. April 1997 im Hotel Adlon bezeichnete Bundespräsident Roman Herzog Berlin als das Laboratorium der Zukunft Deutschlands. Heute, über sieben Jahre danach, bleibt zu hoffen, daß die verantwortlichen Laboranten wissen, daß das "Werk" nur gelingen kann, wenn die "Zutaten" in einem ausgewogenen Verhältnis gemischt werden. In romantischen Worten: wenn der Organismus "Berliner Republik" mit Berlin nicht nur einen Kopf, sondern auch ein Herz bekommt.

© Heike Jahnz