Frauen sind Geheimnisse

Ein Plädoyer gegen den Schleier des Vergessens über dem Rätselwesen der Frau

Selten war das Interesse an dem Phänomen Frau so groß wie in unserer Zeit: Keine Partei, kein Verband oder Verein kann es sich heute leisten auf die Frauenbeauftragte oder Frauenreferentin zu verzichten. So genannte Gleichstellungsstellen überwachen die Umsetzung der verfassungsrechtlich verankerten Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau. Historikerinnen rücken die klassische Geschichtsschreibung zurecht und zeichnen die Spuren der Frau durch die Jahrhunderte nach. Es gibt Frauenforschungszentren, Women's Career Centers, Frauenmuseen, Kommissionen für Frauenstudien, und immer wieder werden Biografien veröffentlicht von bisher im Dunkel der Privatsphäre verborgenen Frauen an der Seite eines bedeutenden Mannes. Man übertreibt wohl nicht, wenn man von einem gesamtgesellschaftlichen Perspektivwechsel spricht, oder gar von der schrittweisen "Entdeckung der Weiblichkeit". Wer könnte etwas dagegen haben? Niemand ernsthaft! Der Ausgleich von Einseitigkeit ist immer gut.
Aber jede noch so wünschenswerte Entwicklung hat auch ihre Schattenseite. Bei der heutigen neuen "Entdeckung der Frau" wird die Frau in der wissenschaftlichen Analyse nur allzu häufig in ihre Einzelteile zerlegt und auf die zu untersuchenden (Rollen-)Segmente reduziert. Das Phänomen Frau wird auf diese Weise zunehmend vereinfacht und vor allem, es wird schlichtweg entzaubert. Entzauberung aber heißt auch Verarmung. Die Aura des Mysteriösen, die Frau immer umgab, verflüchtigt sich zusehends. Ja, die Frauen selbst betrachten sich in der Regel in aller wissenschaftlichen Nüchternheit. Es scheint, als hätten sie einfach ihr Geheimnis vergessen. Jenes Geheimnis, das die zumeist männlichen Dichter, Musiker, Maler und Bildhauer aller Zeiten zu den schönsten Kunstwerken inspiriert hat.
"O schöne Sphinx!", brachte Rilke dieses Phänomen auf den Punkt. Frauen, das sind die Töchter der aus dem Schaum geborenen Aphrodite, sie waren und sind verehrungswürdig, von vornherein verdächtig, verführerisch, wankelmütig und rätselhaft. Mit anderen Worten: sie sind Geheimnisse. Geheimnisse wiederum regen die Phantasie an, was erklärt, warum die Welt der Kunst und die Mythen der Völker so reich sind an den unterschiedlichsten "Frauenbildern". Wie viel Tinte, Farbe oder Stein sind dem Phänomen Frau geweiht worden?

© Die blaue Blume, Ölbild von Michael Maschka


Wer kennt sie nicht, die ewig wiederkehrenden Frauengestalten? Die vor Apollo fliehende und sich in einen Baum verwandelnde Daphne,die mörderische Medusa, die betörende Nymphe, die Sirene, oder die geheime Mutter und Himmelsgöttin, die allumfassende Seele der Erde. Die Frau ist die blaue Blume, oder einfach diejenige, die das Herz des Mannes verwirrt und ihm allnächtlich als Unbekannte im Traum begegnet. Sie ist die selbst vergessene Nacht, der Frühling, die Fruchtbarkeit, die Herrscherin über Leben und Tod.
Der üppigen Vielfalt an "Frauenbildern" wurde seit jeher eine ebenso üppige Vielfalt an typisch weiblichen Eigenschaften zugeordnet: Da, wo der Mann Kontur hat, ist die Frau verschwommen, wo er eine Richtung verfolgt, lustwandelt sie auf Umwegen, wo er gerade und zielgerichtet ist, hat sie Kurven, wo er anzugreifen ist, ist sie weich und entzieht sich dem Zugriff. Die Frau ist Vielheit, sie ist dunkel, nächtlich, wässrig und der Erde verwandt. Ihrem Wesen nach liebt sie den Mond, ihre Körpersäfte gehen mit Ebbe und Flut, wie sie überhaupt dem bewegten Meer entsteigt. Wie das Wasser passt sie sich an, sucht ihren Weg schlängelnd, mäandernd, den harten Fels durch umschmeichelnde Wellen nach ihrem Willen zu formen. In ihrer Anschmiegsamkeit ist sie nicht zu brechen und wehe dem, der ihre Stärke

 

unterschätzt. Sie neigt zur Intrige und man vermeide es, das Weiche als Schwäche zu denken, die Anpassungsfähigkeit als Fügsamkeit! Sie ist die Herrscherin des Umwegs, die Ariadne des Lebens-Labyrinths, sie kann hilfreich und auch tödlich sein.
Aber geht all das die Frau von heute wirklich noch etwas an? Die moderne Frau, ist sie nicht vielmehr zielstrebig, geradeaus, kurzhaarig, der Körper gestählt durch eisernes Training im Fitnessstudio und der Geist gehärtet im täglichen Kampf ums berufliche Überleben? Der Verstand so messerscharf wie ihre Zunge? Wozu braucht sie Geheimnis und Zauber? Ganz einfach, um sich selbst besser zu verstehen, um das Unerklärliche in ihrem Wesen als natürliche Tatsache hinzunehmen. Als weibliches Privileg? Warum nicht! Nein, auch in der ach so pragmatischen Moderne hat die Frau nichts von ihrer Wandelbarkeit und ihrem Zauber eingebüßt. Allem Anschein zum Trotz. Auch heute ist die Frau unfassbar! Denn trotz aller Reduktion der "Frauenproblematik" etwa auf Familie und Beruf, ist gerade in unserer Zeit nichts so ungewiss, wie der Lebensweg der Frau. Das Phänomen Frau bleibt vieldeutig, polyperspektivisch, oder altmodisch ausgedrückt: unergründlich.
Heute kann Frau, gestützt auf einen unerschöpflichen mythischen Urgrund, wohl wie zu keiner anderen Zeit, ihre Vielheit ausleben. Wer kennt sie nicht, die Frau, die gestern noch aufopfernde und aufrichtig liebevolle Mutter war und die heute, die Kinder flügge geworden, beruflich voll Gas gibt? Oder ganz anders: die nach ihrer steilen beruflichen Karriere, plötzlich die Künstlerin oder die aufopferungsvolle Mutter in sich entdeckt? Die Hexe, die Priesterin, die Heilerin, die Kämpferin gegen das Unrecht der Welt? Keine andere Zeit hat dem weiblichen Geschlecht so viele Freiräume geboten wie unsere. Vorbei ist die Herrschaft des einen, allein selig machenden Frauenlebens. Jede Frau kann ihren Lebensweg selbst wählen, ihrem inneren Kompass folgend. Wegweiser dazu findet sie auch in der Kunst.
Kurzum, gestern wie heute gilt: die Frau ist Geheimnis und die Kunst bewahrt davor, dass dieses Geheimnis der Vergessenheit anheimfällt.

© Heike Jahnz