Magische Landschaften

Eröffnungsansprache zur Ausstellung von Michael Krähmer auf Schloss Honhardt am 13. Februar 2004

Im Duden wird das Wort Magie zunächst folgendermaßen erklärt: "Geheime Kunst, die sich übernatürliche Kräfte dienstbar zu machen sucht".

Geheime Kunst

Eine geheime Kunst, das ist Michael Krähmers Kunst natürlich heute schon! Wer kann heute noch solche Bilder malen? Bilder in altmeisterlicher zeitaufwendiger Harzöl-Lasur-Technik, in der hauchdünne Farblasuren aufeinander geschichtet werden? Schöne Bilder, die von innen leuchten und die voller Geheimnis sind? Und: Welcher Künstler lässt heute seinem Werk noch mindestens einen Monat Zeit zu reifen, einen Monat bis er es als vollendet erklärt?

"Auf der Akademie, da war ich ein richtiger Außenseiter" erklärte mir Michael Krähmer, als ich ihn anrief, um mich für diese Ansprache vorzubereiten. Krähmer hat von 1978 bis 1983 an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart studiert. Damals, meinte er, seien gerade die "Neuen Wilden" en vogue gewesen. Natürlicher Weise hatte er damit nicht viel am Hut: "Ich habe mit meiner altmeisterlichen Malweise nur Kopfschütteln geerntet" sagte er mir und er sagte mir auch: "manche haben mich sogar ganz abgelehnt". Glücklicherweise, liebe Damen und Herren, hat Michael Krähmer sich von seinem Tun nicht abbringen lassen. "Ich habe mich daran gehalten, was mich selber überzeugt und was mich am meisten fasziniert hat", das ist sein Standpunkt dazu. Und die Bilder, die wir hier heute sehen, geben ihm Recht.

Krähmer malt diese Landschaften und er malt sie so, wie Sie es heute Abend sehen, weil er in sich spürt, dass dies sein adäquater künstlerischer Ausdruck ist. Dabei kam Krähmer in gewisser Weise erst über einen Umweg zur Kunst: zunächst hatte er nämlich Deutsch und Englisch studiert. Aber schon während des Studiums zog es ihn zum Musischen hin. Er probierte allerlei aus, darunter auch das Malen. Hier möchte ich Ihnen von zwei Schlüsselerlebnissen erzählen, die mit ausschlaggebend dafür waren, dass Michael Krähmer den Weg zur Kunst einschlug: So geriet ihm ein Buch über das Werk Mati Klarweins in die Hände, was ihn stark beeindruckte. "Es hat mich fasziniert, wie Malerei auch sein kann. Gegenständliche Malerei, die sich nicht mit den klassischen Themen befasst, sondern mit magischen und mystischen Sujets". Mit diesen Worten beschreibt Krähmer, den Einfluss dieses Künstlers. Das zweite Schlüsselerlebnis von Krähmer bezog sich auf die Technik: In seinem Ausprobieren verschiedener Malweisen bekam er den Tipp, nicht mit wasserlöslichen Farben, sondern mit Öl zu malen. Tja, und da war es um ihn geschehen. Er hatte gemerkt, dass er mit Öl genau das machen konnte, was er sich vorstellte und dass diese Technik ihm einfach lag. Dieser Technik blieb er, wie zu sehen ist, bis heute treu. Nach dem Deutsch- und Englisch-Studium, studierte Michael Krähmer Kunst und er übte auch nie einen anderen Beruf aus als den des freischaffenden Künstlers.

Der Künstler als Magier

Ich komme zurück auf die eingangs zitierte




© Michael Krähmer, "Bergsee"


Definition von Magie, um die es hier in meiner Einführung ja geht: "Magie ist die geheime Kunst, die sich übernatürliche Kräfte dienstbar zu machen sucht". Der Künstler als Magier also? Ja, warum denn nicht. In gewisser Weise hantiert der Künstler auch mit Übernatürlichem. Im Fall Krähmer sind es übernatürliche Landschaften. Landschaften, die nur auf den ersten Blick wie Fotografien aussehen. Irgendwo auf dieser Welt oder in einer anderen könnte es solche Landschaften schon geben. Aber tatsächlich werden Sie nirgendwo eine solche Komposition oder ein solches Licht sehen. Surreal wirken diese Landschaften auf den zweiten Blick. Ihnen wohnt eine unaufdringliche aber sehr wirksame Phantastik inne.

Was weiterhin auffällt, das ist die Abwesenheit von Menschen in diesen fernen mystischen Gegenden. Das hat Methode. Denn Krähmer will das Archetypische, das Ewige, die Grundstruktur von Landschaft darstellen. Urbilder von Landschaften also. Krähmer gestand mir in diesem Zusammenhang, dass er sich manchmal gedacht habe, dass ihm einige Landschaftsbilder etwa von Caspar David Friedrich besser gefielen, wenn kein Mensch auf ihnen zu sehen wäre. Denn der Mensch, meinte er, würde das Bild in einen zeitlichen und örtlichen Kontext fixieren. Aber genau das will Krähmer nicht: ihm geht es um die Grundstruktur unseres Planeten. Ihm geht es um die Zeitlosigkeit. Die archetypische Landschaft, meint er, die habe es auf der Erde schon vor Millionen Jahren gegeben, bevor der Mensch sie bevölkerte und sie würde auch noch so aussehen, nachdem die "Episode" Mensch vorüber sei. Es sind also die großen Zeiträume, die er mit seinen Bildern umfasst. Zeitlos sind sie und in ihnen drückt sich Übernatürliches aus.

Man könnte nun fast zu dem Schluss kommen, dieser Künstler mag die Menschen nicht besonders. Das ist natürlich nicht der Fall. Michael Krähmer ist sicher kein Misanthrop. Auch ist es nicht Einsamkeit, die in seinen Bildern zu finden ist. Sondern Weite und Raum. Raum zum Durchatmen. Seine magischen Landschaften drücken eher Ruhe und Frieden aus als Einsamkeit.

Wenden wir uns der zweiten Bedeutung des Wortes Magie zu, wie wir sie wiederum im Duden finden und wonach: Magie eine geheimnisvolle Kraft ist, die von etwas ausgeht. Ich denke wir haben gerade in der Diaprojektion alle ganz gut wahrgenommen, dass Krähmers

 

Landschaften im besten Sinne dieser zweiten Bedeutung, "magisch" zu nennen sind. Von ihnen geht in der Tat eine "geheimnisvolle Kraft" aus. Versuchen wir ein wenig ihr Geheimnis zu ergründen. Bei einem solchen Unterfangen geht es zunächst um Wahrnehmung und dann um Emotion. Zur Wahrnehmung: In ihrer realistischen und perspektivischen Malweise wirken Krähmers Landschaften stark in den Raum hinein. Quasi wie durch ein Fenster schaut man durch sie in einen Raum hinein und sie laden dazu ein, einzutreten, sich in ihnen zu verlieren und in ihnen die eigenen Gedanken schweifen zu lassen. "Ich wollte keine Fläche mit Farbpigmenten malen, sondern Räume" so beschreibt der Künstler selbst seine Intention.

Menschenleere

Zur Emotion: Michael Krähmer ist ein Mensch, der sehr gerne reist. Und auf diesen Reisen, so hat er es mir erzählt, habe er erlebt, dass es Landschaften gebe, die emotional unglaublich stark auf ihn gewirkt und ihn in einen bestimmten Bewusstseinszustand versetzt hätten. Besonders stark sei dieses Gefühl bei menschenleeren Landschaften gewesen, meinte er.
Das Erstaunliche ist nun, dass man diese Wirkung, die bestimmte Landschaften auf die Menschen haben, auch durch Bilder, durch Kunst hervorrufen kann. Wovon man sich hier und jetzt selbst überzeugen kann. Unwillkürlich schlagen diese Bilder den Betrachter in ihren Bann, sie entfalten eine Art wohligen Soges und unversehens findet man sich inmitten rotglühender Felsen, einem feuchten Dschungel oder am Strand als Beobachter eines atemberaubenden Sonnenuntergangs wieder.

Dabei schafft die überall spürbare Weite in Michael Krähmers Bildern zugleich Distanz und Nähe. Distanz schaffen diese Bilder von dem Trubel und der Hektik des Alltags, in dem sich die Menschen immer mehr selbst verlieren und ihrem Wesenskern immer mehr entfremdet werden. Aus der Distanz überblickt man das Ganze besser. Die Zusammenhänge und man erkennt besser, was wichtig ist und was nicht. Und so schaffen Krähmers Landschaften wiederum Nähe. Die Nähe nämlich zu sich selbst.

Wenn Sie es zulassen und sich auf die Botschaften dieser Kunstwerke einlassen, dann können diese Sie in eine bestimmte Geisteshaltung versetzen. Sie horchen in sich hinein, entdecken Ihre inneren Landschaften, ihre Seelenlandschaften. Dann sind Sie wohl ganz im Sinne der Romantik auf dem richtigen Weg. Auf dem Weg, der nach "Innen" geht und auf dem man die Erkenntnis in sich selbst sucht.

Mir bleibt nur noch, Ihnen auf diesem Weg viel Spaß zu wünschen und noch einen vergnüglichen Abend, inmitten dieser erfrischenden Kunst.

© Heike Jahnz