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Labyrinthe & Irrgärten Ausstellungseröffnung auf Schloss Honhardt am 10. September 2004 |
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Labyrinthe und Irrgärten, so heißt die Ausstellung, die wir heute Abend eröffnen. Es ist kein Füllsel, keine rhetorische Dopplung, wenn wir von Labyrinthen und Irrgärten sprechen. Denn ein Labyrinth ist kein Irrgarten und ein Irrgarten kann streng genommen auch kein Labyrinth sein. Ich sage streng genommen. Streng bedeutet in diesem Zusammenhang: wenn man sich an die jüngsten Forschungsergebnisse der Symbolgeschichte hält. "Im Labyrinth verliert man sich nicht. Im Labyrinth findet man sich. Im Labyrinth begegnet man nicht dem Minotauros. Im Labyrinth begegnet man sich selbst". Dieser Spruch stammt von dem ausgewiesenen Labyrinthe-Experten Hermann Kern und bringt dessen Hauptthesen bzw. Erkenntnisse auf den Punkt. Im Labyrinth verliert man sich nicht: Nach Kern also führt das wahre, das eigentliche, ursprüngliche Labyrinth nicht in die Irre. Der Weg eines Labyrinths führt immer zum Zentrum und bietet keine Wahlmöglichkeit. Die einzige Sackgasse eines echten Labyrinths liegt demnach in seiner Mitte. Dort angekommen, muss der Besucher seine Laufrichtung ändern. Eine 180-Grad-Kehrtwende machen. Denn er kann das Labyrinth nur auf dem Weg verlassen, auf dem er es auch betreten hat: der Eingang ist der Ausgang, der Ausgang der Eingang. Die äußere Begrenzungslinie des Labyrinths, mag sie rund, oval, quadratisch oder rechteckig sein - ist nur an einer einzigen Stelle offen. An dieser Stelle beginnt der unübersichtliche Weg ins Zentrum. Ein Weg, der ein größtmöglicher Umweg ist. Ein Weg, der vor dem Ziel unendlich oft die Richtung wechselt und den Besucher zwingt, noch einmal zu einer endlosen Schleife auszuholen, obgleich die Mitte schon zum Greifen nah ist. Dem Labyrinth gegenüber steht der Irrgarten, der dem Besucher viele Wege zur Wahl anbietet und ihn durch Sackgassen in die Irre führt. Im heutigen Sprachgebrauch sind Irrgarten und Labyrinth nahezu synonym. Auch wird mit dem Labyrinth im metaphorischen Sinn eine "verwirrende Situation" bezeichnet. Dennoch sollte man wissen, dass das "Labyrinth" - das immerhin schon 5000 Jahre "alt" ist - erst seit dem 3. Jahrhundert vor Christus in der Literatur mit der Bedeutung eines "Irrgartens" überlagert wurde und die früheste bildnerische Formulierung eines Irrgartens sogar erst aus dem Jahre 1420 stammt. Relativ zum vermuteten frühesten Erscheinen des Labyrinths vor 5000 Jahren also, ist der "Irrgarten" eine recht junge Bedeutungsebene des Labyrinthe-Symbols. Woher kommt das Labyrinth? Die frühesten datierbaren Zeugnisse sind bronzezeitliche Felsritzungen im Mittelmeerbecken, England, Irland und im Kaukasus. Gemeinhin wird angenommen, dass das minoische Kreta, als erste europäische Hochkultur, der Ursprungsort dieses
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© Michael
Maschka ,
Symbols ist. Von Kreta aus startete das Labyrinth also seinen nicht enden wollenden Siegeszug in die menschlichen Vorstellungen, Träume, Phantasien und Sehnsüchte. Auf einen weiteren interessanten Aspekt, den die Symbolgeschichte aufgedeckt hat, möchte ich hinweisen: Es spricht nämlich viel dafür, dass die ursprüngliche Erscheinungsform des Labyrinths eine Tanzfigur war. Das Labyrinth war also zunächst ein Tanz! Hermann Kern hält es sogar für "unwahrscheinlich", dass das Kretische Labyrinth - bekanntlich von dem genialen Künstler Daidalos ersonnen - irgendwann einmal als Gebäude existiert haben soll. Vielmehr hat er der Ariadne - der Herrin des Labyrinths und kretische Königstochter, man kennt sie aus der griechischen Mythe - einen sehr kunstvollen und komplexen Tanz choreographiert und ihr obendrein noch einen großartigen Tanzplatz erschaffen: Einen Tanzplatz, auf dem die Bewegungsfigur aus Stein in den Boden gelassen wurde. "Im Labyrinth findet man sich. Im Labyrinth begegnet man nicht
dem Minotauros. Im Labyrinth begegnet man sich selbst". Dem Kernsatz
von Hermann Kern folgend, stellt sich nun die Frage nach der Bedeutung
des Labyrinths: Wofür steht es? Ich beschränke mich hier auf
einige wenige, meiner Meinung nach zentrale Bedeutungsaspekte. So steht
das Labyrinth vor allem für Entwicklung. Es ist das Symbol für
Entwicklung schlechthin. |
dieses ausgesprochen komplexen Symbols: So gilt das Labyrinth als Fruchtbarkeitssymbol. Zwischen 1550 und 1650 sind beispielsweise so genannte Liebes-Labyrinthe ausgesprochen beliebt gewesen und es werden Labyrinthe gerne als Orte erotischer Verwicklungen dargestellt. Auch wurde dem Labyrinth eine gewisse Schutzfunktion vor bösen Geistern zugesprochen: so finden sich Labyrinthe in indischen Türschwellenzeichnungen wieder und auch bei Stadtgründungen zelebrierten die Römer ein labyrinthisches Reitspiel (das so genannte Trojaspiel). Dahinter verbirgt sich übrigens die Vorstellung, dass böse Geister nur geradeaus fliegen können, im Labyrinth also gewissermaßen "hängen" bleiben. Aber letztendlich gilt und das ist das reizvolle an diesem sehr lebendigen und ungebrochen wirkungsmächtigen Symbol, dass es sich allzu eindeutigen Festlegungen und Reduktionen entzieht. Die heutige Labyrinthe-Ausstellung mit ihren über 100 Kunstwerken mag dafür als vitaler Beweis gelten. Selbst im stattlichen Alter von 5000 Jahren, entzünden sich an diesem Symbol nach wie vor insbesondere auch die künstlerischen Phantasien. Woran liegt das? Zunächst, könnte man meinen, ist das eine Verbeugung von dem Urbild des Künstlers Daidalos, der das Kretische Labyrinth erschaffen hat und auf dessen Spuren auch die heutigen Künstler gerne wandeln. Darüber hinaus aber ist es möglicherweise das Widerspruchs- und Geheimnisvolle, das die zeitgenössische Kunst zum Labyrinth hinzieht. Das Labyrinth steht für Chaos und Sinn. Für Tod und neues Leben. Gerade in diesem Aspekt des Labyrinths, in der Vereinigung von Gegensätzen, erkennt der Kunsthistoriker Gustav René Hocke die große Anziehungskraft dieses Symbols, insbesondere für die manieristische Kunst. Für die Kunst des Phantastischen. So beschreibt er in seinem kunst- und literaturhistorischen Werk "Die Welt als Labyrinth" das Labyrinth als eine "vereinigende Metapher für das berechenbare und unberechenbare Element in der Welt" und in ihm sah er das zentrale Motiv in der manieristischen Kunst gestern und heute. In einem Labyrinth führt der Umweg zum Mittelpunkt und damit zur Vollkommenheit. Die labyrinthischen Windungen erscheinen dem nur Vernünftigen paradox, verdreht und irreführend. Dennoch sind sie planvoll und eingebettet in einen übergeordneten Sinn. Der Labyrinthe-Weg wird so zum Lebensweg. Mir bleibt, Ihnen einen vergnüglichen und anregenden Weg durch diese fast selbst zum Labyrinth gewordene Ausstellung und noch einen schönen Abend zu wünschen. © Heike Jahnz |