Ein Festmahl aus Liebeslust- und pein

Schloss Honhardt präsentierte Schakespeares "Venus und Adonis" inmmitten einer festlichen Tafel

Es war nicht ‚nur' ein mitreißender Theaterabend und nicht ‚nur' ein köstliches Essen: es war beides. Am vergangenen Wochenende lud Schloss Honhardt, art in residence zu einem "theatralisch-literarisch-kulinarischen" Abend mit den Schauspielern Barbara Geiger und Christian Kaiser aus Berlin. Inmitten eines exquisiten 4-Gänge-Menüs, kreiert vom Meisterkoch Matthias Mack aus Rot am See, trugen diese beiden Vollblutschauspieler ebenso temperamentvoll wie einfallsreich Shakespeares Gedicht "Venus und Adonis" vor. Worum es ging? Um eine liebeskranke Venus, die alle Register ihrer Verführungskunst zieht, um den ebenso schönen wie spröden Adonis ("En Freund der Jagd, dem Liebe noch nichts wert") für sich zu gewinnen. Also ein sehr modernes Sujet, in dem Frau Mann verführen will und dabei sich durchaus auch von ihrer Lust "übermannen" lässt: "Ihr Antlitz glüht und sprüht, es kocht ihr Blut, / Nichts kann der Wolllust Raserei verhindern". Wie es endet? Mit dem Tod des Schönlings, den ein Eber aufspießt und einem schrecklichen Fluch der Liebesgöttin: "Wie meine Liebe mir zerstört der Tod, /so sei die Liebe nie mehr ohne Not!" Dazwischen aber hat alles Platz, was man in einem guten Theaterstück finden will: Witz, Spannung, Erotik und vor allem die atemberaubende Sprache und Bildgewalt Shakespeares. In ihrer Inszenierung, die sich um die Festtafel im historischen Ambiente des Honhardter Schlosses herum bewegte, entschieden sich Geiger und Kaiser - zum Genuss der Zuhörer - für die Zweisprachigkeit. Barbara Geiger, die in London das Schauspielhandwerk erlernte, übernahm den Originaltext und Christian Kaiser,
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© Barbara Geiger und Christian Kaiser in Shakespeares Venus and Adonis auf Schloss Honhardt


jahrelanges Mitglied der "bremer shakespere company" die deutsche Version. Zwar schlüpfte Kaiser dabei rein optisch in die Rolle des (wunderbar spröde linkischen) Adonis und Geiger gab die hinreißend girrende Venus, doch rezitierten beide den Gedichtstext und waren so Erzähler, Venus und Adonis in einer bzw. zwei Personen. In insgesamt vier Spielszenen "kredenzten" sie auf diese Weise die ebenso entzückende wie erhabene Geschichte dieses ungleichen Liebespaares. Nach jeder Szene,

 

setzten sich dabei die Schauspieler zu den Gästen an die festliche Tafel, unterhielten sich mit ihnen und genossen wie sie das köstliche Mahl.
Wohl selten wurde ein Kammerstück auf eine solche in mehrfachem Sinn lustvolle Weise in Szene gesetzt: die bereits rein optisch durch glänzende Abendrobe überwältigende Venus schmachtete dem verwundert wie befremdet dreinblickenden Adonis nach, der - na klar - alles andere als "Herr" der Lage war. Durch Frauenlist gelang es der Göttin sogar dem Widerstrebenden einen Kuss abzuringen. Doch war der Eindruck, den dieser bei dem Schönen hinterließ nicht tief. Denn umso entschlossener floh er in die Nacht zur Jagd. Das Unglück freilich ließ nicht lange auf sich warten. Es kommt wie es kommen muss: das gejagte Tier, in diesem Fall, der Eber, tötet Adonis und Venus verflucht die Liebe - zu unser aller Leid.
Sparsam gingen Geiger und Kaiser in Honhardt mit Effekten um: ein zerschlagener Teller und rote Blütenblätter, die auf das weiße Tischzeug schwebten. Das war's. Den Rest überließen sie der Phantasie des Publikums, ihrem schauspielerischen Können und der Wortgewalt Shakespeares.
Fazit: Ein ebenso unterhaltsames wie schönes und eben einmal etwas anderes Theater oder - je nachdem wie man den persönlichen Schwerpunkt setzt - eine etwas andere Festtafel, in der die Kunst des Koches die Schauspielkunst beflügelte und umgekehrt.

© Heike Jahnz